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Ungepulste Zeit ist nicht nur eine vom Takt befreite Zeit, sozusagen
eine Dauer, und auch nicht nur ein neues Verfahren der Individuation,
befreit von Thema und Subjekt, sondern es geht dabei vor allem um die
Geburt eines von der Form befreiten Materials. In gewisser Weise
könnte die klassische europäische Musik durch das
Verhältnis eines rohen Klangmaterials zu einer bestimmten
klanglichen Form definiert werden, die über das Material
entscheidet und herrscht. Das implizierte eine gewisse Hierarchie von
Materie Leben Geist, die vom Einfachsten zum Komlexesten
reicht und die auch die Vorherrschaft einer metrischen Kadenz als
Homogenisierung von Dauern in einer gewissen Gleichwertigkeit der Teile
des Klangraums garantierte.
Im Gegensatz dazu erleben wir in der aktuellen Musik die Geburt eines Klangmaterials, das nicht länger ein einfaches oder undifferenziertes Material ist, sondern ein vielschichtiges und reiches (très élaboré) , ein sehr komplexes; und dies Material wird nicht mehr einer klanglichen Form unterworfen, weil es diese nämlich nicht mehr braucht: Es wird seine Aufgabe sein, für sich selbst, die Kräfte zum Klingen zu bringen und hörbar zu machen, die von selbst nicht hörbar sind, und auch die Unterschiede zwischen diesen Kräften. Das Paar rohes Material klangliche Form wird ersetzt durch die ganz andere Kopplung von elaboriertem Klangmaterial nicht wahrnehmbaren Kräften, die das Material hörbar, wahrnehmbar macht. aus dem Französischen übersetzt von Rolf Langebartels |
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Gilles Deleuze Konferenz über musikalische Zeit, IRCAM 1978 französischer Originaltext |
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| © Rolf Langebartels, Berlin 2000 |